«Abschaffung des Bargeldes»

Das Manhattan des Mittelalters – Der Rialto in Venedig als Gerüchteküche und diskrete Handelsdrehscheibe

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Der venezianische Rialto war jahrhundertelang das Zentrum des Welthandels. Ursula Kampmann führt uns mit Hilfe eines Gemäldes von Carpaccio in diese Epoche zurück. Wir sehen Sklaven, Türken und natürlich vor allem die Kaufmänner von Venedig.


 

Ich geb’s auf. In jedem Venedigführer kann man etwas über die kunsthistorische Bedeutung der Rialtobrücke nachlesen, aber dass hier, am Rialto das Zentrum des venezianischen Handels war, das sucht man in all diesen Büchern vergeblich.

Dabei haben wir genug zeitgenössische Quellen, die das geschäftige Treiben auf dem Rialto beschreiben.

Eine der schönsten ist ein Bild von Vittore Carpaccio. Er hat es auf Bestellung einer religiösen Bruderschaft gemalt. Eigentlich geht’s da ja um ein Wunder. Aber das ist ganz an den Rand gerückt.

Im Vordergrund steht stattdessen der Rialto selbst, über den ein zeitgenössischer Chronist schrieb: „Hier werden alle Waren, die zum Verkauf gelangen, gewogen und für Zoll und Umsatzabgaben Buch geführt. Hier befindet sich das eigentliche Rialto, wo am Morgen und nach dem Mittagessen alle zusammenkommen. Und es werden große Geschäfte getätigt mit einem Wort: „Ja“ oder „Nein.“

Dass damals auch die großen Handelsschiffe bis zum Rialto fuhren, erkennen wir an einem kleinen Detail. Die Rialtobrücke ließ sich nämlich zur Zeit Carpaccios noch öffnen, um ihnen die Durchfahrt zur Stadtwaage zu ermöglichen. Die Brücke war aus Holz, aber die kleinen Läden, in denen Touristen heute überteuerte Souvenirs kaufen, gab es schon damals.

Sehen Sie die Fensterchen in der Holzwand? Sie erhellten diese Läden. Die Miete dafür brachte der Republik Venedig ein Vermögen. Ein Zeitgenosse überliefert uns, wie viel dafür gezahlt werden musste: „ Und es gibt Lokale, die circa 100 Dukaten Miete zahlen, und dabei kaum zwei Schritt lang und breit sind. Dass die Geschäfte dort sehr teuer sind, können wir bezeugen, weil wir am neuen Fischmarkt ein Gasthaus haben, ein kleines Lokal zwischen all unseren Ladengeschäften. Und weil die Lage gut ist, zahlt die Gaststätte allein 250 Dukaten, was mehr ist als im schönsten Palast der Stadt.“

Kein Wunder, dass Palladios Entwurf für den Neubau durchfiel. Er hatte die kleinen Lädchen nicht eingeplant.

Schauen Sie, wie international Venedig damals war. Da, ganz hinten, sind türkische Kaufleute mit ihren langen Bärten und Turbanen. Sie kamen gerne aus dem osmanischen Reich und kauften hier europäische Handwerkskunst ein.

So stammte zum Beispiel der goldene, juwelen- und perlenbesetzte Thron Süleymans des Prächtigen aus Venedig. Venezianische Goldschmiede hatten ihn für 40.000 Dukaten angefertigt.

Dieser Mohr dagegen dürfte höchstens 50 Dukaten gekostet haben. Das zahlte man damals in Venedig für einen gesunden schwarzen Jungen im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren. Wundern Sie sich nicht, dass er so nobel gekleidet ist. Sein Herr stattete ihn mit einer Livree in den Farben des Haushalts aus, um so die eigene Bedeutung zu erhöhen.

Solche Mooren waren nämlich ein Statussymbol. Sie wurden getauft, erhielten einen neuen Namen und hatten es gelegentlich besser als gewöhnliche Diener, denn sie befanden sich in der Nähe ihres Besitzers und wurden von ihm als eine Art menschliches Schoßhündchen gehätschelt.

Den berühmten Handelshof der Deutschen gab es übrigens noch nicht, als Carpaccio sein Bild malte. Der wurde erst 10 Jahre später erbaut. Stattdessen steht hier der Handelshof der Perser. Und der hatte ziemlich die gleiche Funktion, nur eben nicht für die Deutschen, sondern für Besucher aus dem Nahen Osten.

Woher die Venezianer die Idee für ihre nach Nationen geordneten Handelshöfe hatten, sagt schon der italienische Name der Institution: Fondaco. Das kommt vom arabischen Funduq und beschreibt eine Art staatlich kontrollierte Karawanserei. Hier lagerten die Ausländer ihre Waren. Hier wohnten sie, verhandelten sie und zahlten für alles ordentliche Gebühren.

Sie wundern sich, warum Sie nur so wenig Frauen sehen? Nun, die befanden sich zumeist in ihren Häusern. Und zwar besonders gerne auf den Dachterrassen, die den Venezianern als eine Art Gartenersatz dienten. Einen richtigen Garten konnte sich nämlich in Venedig niemand leisten, dafür war Grund und Boden viel zu teuer.

Die eigentlichen Helden unseres Bildes aber sind die prachtvoll gekleideten Vertreter des Kaufmannstandes. Ihre auffällige Tracht kontrastiert mit ihrem Benehmen. Die Venezianer waren berühmt für ihre Diskretion. Andere mochten auf dem Markt schreien und gestikulieren, ein Venezianer sprach mit leiser Stimme und tätigte die größten Geschäfte mit einem schlichten „Ja“.

Sie trieben am Rialto nicht nur ihre Geschäfte, sie besuchten auch ihre Bank. Vier Unternehmen hatte der Senat die Erlaubnis erteilt, die Buchhaltung für ihre Kunden zu führen. Diese Konten hatten den gleichen juristischen Status wie eine notarielle Urkunde.

Jeder venezianische Kaufmann ging einmal am Tag zum Rialto, und zwar vor allem, um dort die neuesten Nachrichten und Gerüchte zu hören. Sie waren die Basis für seine geschäftlichen Entscheidungen.

Man kann sich gut vorstellen, was für einen entsetzlichen Aufruhr es unter den würdigen Herren gegeben hat, als die Nachricht den Rialto erreichte, dass es Vasco da Gama gelungen sei, den Seeweg um Afrika herum nach Indien zu finden.

Damit war der einträgliche Gewürzhandel bedroht, wie Girolamo Priuli am 24. Juli 1501 in seinem Tagebuch vermerkte: „Ob auch viele sich die Sorgen von der Seele reden und nicht sehen wollen, was da kommt, so bedeutet doch diese Nachricht mehr als der ganze Türkenkrieg. Denn wie ein Kind nicht ohne Milch, so kann unsere Stadt nicht ohne Handel sein. ... Und deswegen sehe ich deutlich den Ruin der Stadt Venedig voraus, denn wenn es an Handelsverkehr mangelt, wird es bald an Geld mangeln, auf dem der Ruf und die Reputation Venedigs beruhen.“

So schnell freilich ging es nicht. Venedig entwickelte andere Geschäftsmodelle und wurde so schon im 18. Jahrhundert zur weltweit bekanntesten Touristendestination.

Nun ja, nicht immer zu seinem Vorteil.